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Psychotherapie Menzel
Stress & Erschöpfung8 Min.Aktualisiert am 26.8.2026

Wie man nach einem stressigen Tag wieder in den Körper kommt

Wie man nach einem stressigen Tag wieder in den Körper kommt

Der Arbeitstag ist beendet, aber innerlich läuft er weiter. Die Schultern sind angespannt, Gedanken springen zwischen Gesprächen und unerledigten Aufgaben, und selbst auf dem Sofa fühlt sich der Körper noch im Arbeitsmodus an.

Häufig wird dafür die Formulierung verwendet, man müsse „wieder in den Körper kommen“. Medizinisch ist das kein definierter Begriff. Gemeint ist meist etwas sehr Praktisches: Aufmerksamkeit weg von anhaltendem Grübeln und hin zu gegenwärtigen körperlichen und äußeren Reizen zu lenken.

Dafür gibt es verschiedene Möglichkeiten. Keine davon muss Stress vollständig beseitigen. Ein realistisches Ziel ist ein allmählicher Übergang von hoher Aktivierung zu einem Zustand, in dem Erholung wieder leichter möglich wird.

Warum Stress nicht mit dem Feierabend endet

Stressreaktionen orientieren sich nicht an der Uhr. Während eines anspruchsvollen Tages verändern sich Aufmerksamkeit, Muskelspannung, Kreislauf und Verhalten immer wieder entsprechend der Situation. Wenn der Laptop geschlossen wird, verschwinden diese Anpassungen nicht zwingend im selben Moment.

Hinzu kommt die kognitive Seite. Ein schwieriges Gespräch wird innerlich noch einmal durchgespielt, eine Entscheidung weiter analysiert oder der nächste Tag bereits geplant. Gerade offene Aufgaben können Aufmerksamkeit binden, obwohl die eigentliche Arbeitszeit vorbei ist.

Deshalb funktioniert der innere Befehl „Jetzt entspann dich“ häufig schlecht. Er schafft mitunter sogar eine zusätzliche Aufgabe: Neben dem Stress soll nun möglichst schnell ein optimaler Ruhezustand hergestellt werden.

Hilfreicher ist eine niedrigere Erwartung. Sie müssen nicht innerhalb von fünf Minuten von maximaler Anspannung zu völliger Ruhe wechseln. Schon eine spürbare Verringerung der Aktivierung oder ein Wechsel des Aufmerksamkeitsfokus kann ein sinnvoller erster Schritt sein.

Wenn vor allem unerledigte Aufgaben und Verantwortlichkeiten im Kopf weiterlaufen, kann es sinnvoll sein, zunächst diese Ebene zu entlasten. Der Beitrag „Mental Load: Warum der Kopf nie abschaltet“ erklärt, warum konkrete Planung und externe Erinnerungen dabei helfen können.

Bewegung kann ein sinnvoller erster Schritt sein

Wer einen Tag überwiegend sitzend und geistig angespannt verbracht hat, muss nicht automatisch zuerst stillliegen. Eine kurze Phase körperlicher Bewegung kann einen deutlichen Kontextwechsel schaffen.

Dafür braucht es kein intensives Training. Ein zügiger Spaziergang, lockeres Fahrradfahren oder leichte Bewegung können ausreichen, um Körperzustand und Aufmerksamkeit zu verändern.

Die Forschung zu akuter Bewegung und Stressreaktivität ist nicht vollständig einheitlich. Eine systematische Übersichtsarbeit von 31 Studien fand nach einzelnen Bewegungseinheiten insbesondere Hinweise auf verringerte Blutdruck- und Cortisolreaktionen bei anschließenden experimentellen Stressaufgaben. Die Effekte auf subjektiv berichteten Stress waren deutlich weniger konsistent. Morava et al., 2024

Eine weitere systematische Übersicht und Meta-Analyse kam zu dem Ergebnis, dass eine einzelne Bewegungseinheit die Blutdruckreaktion auf akuten experimentellen Stress im Durchschnitt reduzieren kann. Mariano et al., 2022

Daraus folgt nicht, dass Sport für jeden Menschen die beste unmittelbare Entspannungsmethode ist. Nach körperlich anstrengender Arbeit, bei Schmerzen oder Erkrankungen kann Ruhe passender sein. Entscheidend ist der Ausgangszustand – nicht die Vorstellung, überschüssige „Stressenergie“ müsse zwingend aus dem Körper heraustrainiert werden.

Körper wahrnehmen, ohne ihn kontrollieren zu müssen

Nach vielen Stunden am Bildschirm oder in gedanklich anspruchsvollen Situationen kann es angenehm sein, für kurze Zeit konkrete Körperempfindungen wahrzunehmen. Dazu gehören beispielsweise der Kontakt der Füße mit dem Boden, die Position der Schultern, Wärme und Kälte oder die Bewegung des Brustkorbs beim Atmen.

Der Fachbegriff Interozeption bezeichnet die Wahrnehmung und Verarbeitung von Signalen aus dem Körperinneren. Sie ist komplex und umfasst unterschiedliche Fähigkeiten und subjektive Einschätzungen. Mehr Körperwahrnehmung ist deshalb nicht automatisch immer besser.

Eine einfache Übung kann so aussehen: Setzen oder stellen Sie sich bequem hin und nehmen Sie für ein bis zwei Minuten drei oder vier neutrale Empfindungen wahr. Wo berühren die Füße den Boden? Welche Stellen des Körpers haben Kontakt zur Sitzfläche? Sind Schultern oder Kiefer angespannt? Wie bewegt sich die Atmung, ohne dass Sie sie sofort verändern müssen?

Wichtig ist der letzte Punkt. Die Übung ist kein Kontrollauftrag. Sie müssen nichts Bestimmtes fühlen und keine Spannung sofort beseitigen.

Für isolierte Body-Scan-Übungen ist die Evidenz zudem zurückhaltender, als populäre Darstellungen oft vermuten lassen. Eine systematische Übersicht und Meta-Analyse fand gegenüber passiven Kontrollbedingungen lediglich einen kleinen Effekt auf Achtsamkeit; für die übrigen untersuchten gesundheitlichen Zielgrößen waren die Ergebnisse nicht überzeugend. Die Studien waren heterogen und insgesamt von niedriger methodischer Qualität. Gan et al., 2022

Ein Body Scan ist daher eine mögliche Aufmerksamkeitsübung – kein notwendiger Bestandteil von Stressregulation und kein diagnostischer Test dafür, ob Sie „mit Ihrem Körper verbunden“ sind.

Langsamer atmen: messbarer Effekt, aber kein „Reset“

Atmung eignet sich als Übergangssignal, weil sie ohnehin vorhanden ist und in gewissen Grenzen bewusst verändert werden kann.

Eine große systematische Übersicht und Meta-Analyse mit 223 Studien fand, dass freiwillig langsames Atmen während der Übung und unmittelbar danach verschiedene vagal vermittelte Parameter der Herzfrequenzvariabilität erhöhen kann. Auch nach wiederholtem Training wurden Effekte gefunden. Laborde et al., 2022

Eine unkomplizierte Variante besteht darin, ungefähr vier Sekunden ein- und sechs Sekunden auszuatmen. Zwei bis fünf Minuten können für eine kurze Alltagspause genügen. Der Rhythmus ist kein medizinischer Sollwert. Wenn ein anderes Tempo angenehmer ist, darf es angepasst werden.

Sie müssen dabei nicht besonders tief atmen. Zu große Atemzüge können zu Hyperventilation, Kribbeln oder Schwindel beitragen. Wenn eine Übung unangenehm wird, atmen Sie normal weiter.

Die physiologischen Effekte langsamer Atmung sind real, sollten aber nicht überinterpretiert werden. Eine kurze Atemübung „setzt das Nervensystem“ nicht zurück und behandelt keine psychische oder körperliche Erkrankung. Sie kann lediglich ein Werkzeug sein, um den momentanen Zustand zu beeinflussen. Mehr zu dieser Einordnung lesen Sie unter „Nervensystem regulieren: Was bedeutet das eigentlich?“.

Muskelspannung bewusst lösen

Manche Menschen merken erst am Abend, dass sie über Stunden Schultern, Kiefer, Hände oder Beine angespannt gehalten haben. In solchen Situationen kann progressive Muskelentspannung sinnvoll sein.

Dabei wird eine Muskelgruppe für kurze Zeit bewusst angespannt und anschließend wieder gelöst. Ein wesentlicher Lerneffekt besteht darin, den Unterschied zwischen Spannung und Entspannung deutlicher wahrzunehmen.

Eine systematische Übersichtsarbeit von 46 Studien mit insgesamt mehr als 3.400 Erwachsenen kam zu dem Ergebnis, dass progressive Muskelentspannung in vielen der eingeschlossenen Untersuchungen mit Verbesserungen von Stress-, Angst- oder depressiven Symptomen verbunden war. Gleichzeitig unterschieden sich Zielgruppen, Interventionen und Studiendesigns erheblich, sodass sich daraus keine einheitliche Wirkstärke für jede Situation ableiten lässt. Muhammad Khir et al., 2024

Für eine kurze Feierabendvariante können Sie beispielsweise die Schultern einige Sekunden bewusst anspannen und anschließend zehn bis fünfzehn Sekunden lösen. Danach können Hände oder Gesicht folgen. Die Anspannung soll deutlich, aber nicht schmerzhaft sein. Bei Verletzungen oder Schmerzen sollten betroffene Muskelgruppen nicht bewusst stark angespannt werden.

Reizreduktion kann den Übergang erleichtern

Nach einem informationsreichen Arbeitstag direkt zu Nachrichten, Social Media, Videos und mehreren parallelen Chats zu wechseln, verändert zwar den Inhalt der Aufmerksamkeit – nicht unbedingt aber die Menge an Reizen.

Eine kurze Übergangsphase mit weniger zusätzlichem Input kann deshalb hilfreich sein. Dafür braucht es keine formale Meditation. Zehn Minuten duschen, kochen, spazieren oder ruhig etwas vorbereiten können denselben Zweck erfüllen: Der Arbeitstag endet nicht nur organisatorisch, sondern bekommt auch einen anderen sensorischen Kontext.

Besonders praktisch kann ein wiederkehrendes Übergangsritual sein. Sie schließen den Arbeitsplatz, notieren offene Punkte für morgen, wechseln die Kleidung und gehen eine kurze Runde. Die einzelnen Elemente sind nicht magisch. Ihr Wert liegt vor allem darin, dass der Übergang eindeutig und wiederholbar wird.

Ein Ritual sollte allerdings nicht zur Voraussetzung für Erholung werden. Wenn Sie glauben, nur mit einer bestimmten Audioaufnahme, exakt derselben Musik oder einer speziellen Übung entspannen zu können, kann daraus neuer Druck entstehen. Ein hilfreiches Ritual unterstützt Flexibilität; es sollte sie nicht reduzieren.

Wenn Entspannung unangenehm statt angenehm wird

Nicht jeder Mensch erlebt ruhiges Sitzen oder intensive Körperwahrnehmung sofort als angenehm. Manche werden unruhiger, wenn sie ihren Herzschlag beobachten oder die Augen schließen. Andere bemerken in der Stille Gedanken, die im hektischen Alltag weniger auffallen.

Das Phänomen einer relaxation-induced anxiety, also einer während Entspannungsversuchen zunehmenden Angst, wurde insbesondere bei Angststörungen untersucht. In einer Studie von Kim und Newman zeigte sich bei Personen mit generalisierter Angststörung beziehungsweise Major Depression, dass ein stärkerer Wechsel von negativer zu positiver Emotion mit nachfolgend erhöhter Angst während Entspannungsphasen verbunden sein konnte. Die Ergebnisse stammen aus klinischen Stichproben und dürfen nicht pauschal auf jede Person übertragen werden. Kim & Newman, 2019

Wenn eine Übung Sie unruhiger macht, müssen Sie sie nicht „durchziehen“. Öffnen Sie die Augen, bewegen Sie sich oder richten Sie die Aufmerksamkeit stärker nach außen. Ein Spaziergang kann geeigneter sein als zwanzig Minuten stilles Sitzen. Eine Entspannungsmethode ist kein Test, den Sie bestehen müssen.

Auch das Gefühl, den eigenen Körper während einer Übung kaum wahrzunehmen, erlaubt für sich genommen keine psychologische Diagnose. Aufmerksamkeit, Müdigkeit, Gewohnheit und die Art der Übung beeinflussen, was gerade spürbar ist.

Eine realistische 15-Minuten-Routine für den Feierabend

Wenn Sie verschiedene Elemente ausprobieren möchten, kann eine kurze Routine genügen. Sie muss nicht exakt so durchgeführt werden:

Minute 0 bis 5: Bewegung. Gehen Sie ein paar Minuten oder bewegen Sie sich leicht. Das Ziel ist kein Training, sondern ein klarer Wechsel aus der vorherigen Tätigkeit.

Minute 5 bis 8: Offene Aufgaben auslagern. Schreiben Sie die wenigen Punkte auf, die sonst gedanklich weiterlaufen würden. Entscheiden Sie möglichst, wann der nächste Schritt erfolgt. Vermeiden Sie dabei, aus drei Minuten Notieren eine neue Planungssitzung zu machen.

Minute 8 bis 11: Atmung oder Muskelentspannung. Atmen Sie langsam und bequem oder lösen Sie nacheinander einige besonders angespannte Muskelgruppen.

Minute 11 bis 15: Eine einfache Tätigkeit mit wenig zusätzlichem Input. Duschen, etwas zu essen vorbereiten, auf dem Balkon sitzen oder eine kurze Strecke gehen sind mögliche Beispiele.

Das Erfolgskriterium lautet nicht: „Ich bin jetzt vollkommen entspannt.“ Prüfen Sie eher, ob die Arbeit etwas weniger Aufmerksamkeit beansprucht, die Muskelspannung geringer ist oder der Übergang in den Abend leichter fällt.

Wann mehr als eine Feierabendübung nötig ist

Erholungsroutinen sind sinnvoll, solange das Problem tatsächlich im Übergang zwischen Belastung und Ruhe liegt. Wenn Sie dagegen dauerhaft überlastet sind, über Wochen kaum schlafen, ausgeprägte Angst entwickeln, deutlich an Freude und Energie verlieren oder neue ungewöhnliche körperliche Beschwerden auftreten, reicht die Optimierung des Feierabends möglicherweise nicht aus.

Dann sollte geklärt werden, welche Faktoren die Beschwerden erklären und ob medizinische oder psychotherapeutische Diagnostik sinnvoll ist. Auch objektiv zu hohe Arbeitsbelastung, Konflikte oder fehlende Erholungszeiten lassen sich nicht durch Atemtechniken kompensieren.

Weitere Beiträge zu Belastung und Erholung finden Sie im Wissensbereich Stress & Erschöpfung. Wie eine individuelle Begleitung grundsätzlich ablaufen kann, ist unter Ablauf beschrieben.

Quellen & Studien

Häufige Fragen

Was hilft nach einem stressigen Arbeitstag am schnellsten?

Es gibt keine Methode, die für alle Menschen am schnellsten wirkt. Nach viel Sitzen kann Bewegung passend sein, bei ausgeprägter Muskelspannung progressive Muskelentspannung und bei gedanklicher Überaktivität zunächst das Aufschreiben offener Aufgaben. Entscheidend ist, was zu Ihrem aktuellen Zustand passt.

Muss ich meditieren, um nach der Arbeit besser abschalten zu können?

Nein. Meditation ist eine mögliche Methode unter mehreren. Bewegung, Reizreduktion, langsame Atmung, Muskelentspannung oder ein wiederkehrendes Übergangsritual können ebenfalls sinnvoll sein.

Wie lange sollte eine Atemübung dauern?

Für eine kurze Alltagspause können zwei bis fünf Minuten ausreichen. Wichtiger als eine bestimmte Dauer ist, dass die Atmung angenehm bleibt und keinen Schwindel, keine Luftnot und keinen zusätzlichen Leistungsdruck erzeugt.

Warum werde ich beim Entspannen manchmal unruhiger?

Stille oder starke Innenfokussierung können Gedanken und Körperempfindungen deutlicher wahrnehmbar machen. Bei manchen Menschen steigt dadurch kurzfristig die Unruhe. Dann kann die Übung angepasst oder durch Bewegung und stärkere Außenorientierung ersetzt werden.

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